oder: Von Fotografie, #nofilter-Blasen und Sammelwut.

Selfie or it didn’t happen!

„Was für eine lächerliche Redewendung der Jugendsprache“, denke ich mir. Ich schaue auf die Insta-Girls und Snapchat-Filter-Faces herab, die mir im Zug gegenübersitzen während ich mich durch die Schlagzeilen der Tagesschau-App wische. Aber halt. Wenn ich ganz ehrlich bin muss ich mir eingestehen, dass ich selbst inmitten dieser Kultur lebe.

Wirklicher als die Wirklichkeit

Vor kurzem hat Apple neue Smartphones auf den Markt geworfen, die zeigen, dass Fotografie schon lange nicht mehr darauf ausgerichtet ist, die Wirklichkeit akkurat darzustellen. Bei jedem Schnappschuss mit einem neuen iPhone Xs wird dieses Foto unglaubliche fünf Billionen Mal automatisch nachbearbeitet. Tiefenschärfe, Weißabgleich, HDR-Kontrastoptimierung, Gesichtsausleuchtung und viele weitere Prozesse werden in Gang gesetzt. Das Ergebnis ist eine Kamera, mit der jeder fantastische Fotos schießen kann. Als Technik-Fanatiker sagt mir das auf der einen Seite sehr zu. Auf der anderen Seite nehmen die Bilder, denen ich täglich auf Instagram & Co begegne fast schon perverse Züge an: Sonnenuntergänge wie live von der Apokalypse, Hochzeiten auf denen das Paar wirkt wie direkt aus dem Rosamunde-Pilcher-Staffelfinale und Portraitfotos einer strahlend weißen Katze nach einer Zahnreinigung auf in Perwoll getränkter, weißer Bettwäsche. Längst sind unsere Fotos schöner geworden als die Wirklichkeit, die sie einfangen sollten. #nofilter längst ein Wunschdenken.

Die Foto-Messy-Generation

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor der Digitalkamera. Als im Familienurlaub 2 Fotofilme im Handgepäck schlummerten und überlegt wurde, an welchen Orten welche Motive auf einem der wertvollen Bilder eingefangen werden sollen. Ich hingegen lebe in einer Foto-Messy-Generation. Ich habe so viele Fotos, dass ich mittlerweile eine künstliche Intelligenz dafür brauche, die mir Fotos aussucht, die es sich lohnt noch einmal anzusehen. Trotzdem kann ich nicht aufhören damit, Erinnerungen in Form von Fotos festzuhalten. Weil ich das Gefühl habe, der Moment lohnt sich erst wirklich, wenn er auch abgelichtet ist. Weil ich irgendwie auf eine sehr bizarre Weise mein Erinnerungsvermögen in diese Foto-App verfrachtet habe.

Photographical Detox

Vielleicht brauche ich hin und wieder eine Auszeit von diesem seltsamen Lauf der Dinge. Vielleicht brauche ich so etwas wie „Photographical Detox“. Einen Geburtstag ohne Hipster-Fotobox, eine Reise ohne ein einziges Selfie vor einer Sehenswürdigkeit oder ein 3-Gänge-Menü ohne Dokumentation? Eben schöne Momente zu erleben in der festen Gewissheit, dass sie verfliegen und nicht für die Ewigkeit sind. Vielleicht würde ich dann die Welt wieder mit mehr als zwölf Megapixeln wahrnehmen und dadurch intensiver erfahren. „Einen Versuch ist es wert“, denke ich mir und fotografiere den Blogartikel ab – nur zur Sicherheit.

Kategorien: DigitalisierungLeben